Winterdepression

 
 
Winter in Oxford

Jahreszeitliche Stimmungsschwankungen als überkommene Anpassungsreaktion

Von Jan Kalbitzer

In Ländern, die weiter weg vom Äquator liegen und in denen sich Sommer und Winter durch sehr verschieden lange Tage unterscheiden, kennen viele Menschen saisonale Schwankungen der Stimmung und des Verhaltens. Vor allem im Winter kommt es vermehrt zu einer Zunahme des Schlafbedürfnisses, des Appetits auf kohlenhydratreiche Nahrungsmittel (und damit verbundener Gewichtszunahme), zu einer depressiveren Stimmung und zu Konzentrationsschwierigkeiten. Diese Schwankungen treten nicht bei allen Menschen auf und nur bei einem Teil der Menschen, die diese Schwankungen erleben, kann von einem Krankheitswert („Winterdepression“) gesprochen werden.

Serotonintransporter im Verlauf der Jahreszeiten

Die linke Abbildung zeigt Schwankungen in der Aktivität des Serotonintransporters im Gehirn, der die Konzentration des Serotonins im synaptischen Spalt reguliert, über die verschiedenen Monate des Jahres. Die rechte Abbildung zeigt, dass dieses Phänomen nicht bei allen Menschen auftritt, sondern nur bei einigen mir einer bestimmten Prädisposition. Quelle: Kalbitzer J, Erritzoe D, Holst KK, Nielsen FA, Marner L, Lehel S, Arentzen T, Jernigan TL, Knudsen, GM. Seasonal changes in brain serotonin transporter binding in short 5-HTTLPR-allele carriers but not in long-allele homozygotes. Available from Nature Precedings.

Im Jahr 2013 haben wir in einer Übersichtsarbeit1 zu diesem Thema argumentiert, dass diese Veränderungen des menschlichen Verhaltens im Herbst und Winter möglicherweise zu einem früheren Zeitpunkt der Evolution (zumindest in Regionen fern des Äquators) von Vorteil waren, da es wirklich sinnvoll gewesen muss, sich in Gegenden mit strengen Wintern etwas Winterspeck anzufuttern. Das vermehrte Schlafbedürfnis könnte ebenso eine gute Einrichtung gewesen sein, da es hilft den Kalorienverbrauch zu drosseln und somit die vorhandenen Ressourcen zu schonen. Auch die teilweise erhöhte Reizbarkeit im Winter lässt sich so begründen, da es in einer Umwelt mit knappen Ressourcen häufiger zu Auseinandersetzungen verschiedener Gruppen kommt, die um diese Ressourcen konkurrieren.

Da gerade diese Verhaltensweisen durch das Serotoninsystem reguliert werden und jahreszeitliche Schwankungen im Serotoninsystem des Gehirns wiederholt in unabhängigen Studien nachgewiesen wurden2,3, ist davon auszugehen, dass es sich um einen ausgeprägten biologisch festgelegten Mechanismus handelt, der nicht immer unserer willentlichen Kontrolle unterliegt. Das wird dann problematisch, wenn dieser Mechanismus auch in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft anspringt, in der es auch und gerade im Winter viel zu essen gibt und zu allen Jahreszeiten meistens gleich viel gearbeitet werden muss. Natürlich muss man immer vorsichtig sein, wenn man mit der Evolution argumentiert. Aber es kann hilfreich sein, um einen weniger pathologisierenden Blick auf das Phänomen zu haben und ermöglicht den Zugang zu sanfteren therapeutischen Interventionen. Neben einer Lichttherapie könnte zum Beispiel auch ein Fokus auf der aktiven Gestaltung einer freundlichen Umwelt liegen, beispielsweise das Zuhause ab Herbst gemütlicher zu machen oder in der Familie mehr Zeiträume für stressfreies Zusammensein zu schaffen.

Beim Auftreten depressiver Symptome – wie depressiver Stimmung, Antriebsmangel oder Interessenverlust – sollten Sie allerdings zur Erstdiagnostik immer einen Spezialisten, also einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, aufsuchen.

 

Referenzen:

1 Kalbitzer J, Kalbitzer U, Knudsen GM, Cumming P, Heinz A. How the cerebral serotonin homeostasis predicts environmental changes: a model to explain seasonal changes of brain 5-HTT as intermediate phenotype of the 5-HTTLPR. Psychopharmacology (Berl). 2013 Dec;230(3):333-43.

2 Kalbitzer J, Erritzoe D, Holst KK, Nielsen FA, Marner L, Lehel S, Arentzen T, Jernigan TL, Knudsen GM. Seasonal changes in brain serotonin transporter binding in short serotonin transporter linked polymorphic region-allele carriers but not in long-allele homozygotes. Biol Psychiatry. 2010 Jun 1;67(11):1033-9.

3 Praschak-Rieder N, Willeit M, Wilson AA, Houle S, Meyer JH. Seasonal variation in human brain serotonin transporter binding. Arch Gen Psychiatry. 2008 Sep;65(9):1072-8.